Die Römer in der Gemarkung Nauheim


Es kann als gesichert angenommen werden, daß sich in der Zeit 30 - 300 n. Chr. römische Truppen in der Gemarkung Nauheim aufhielten. Funde aus den Jahren um 1910 und 1995 können dies belegen. In Mainz und in Groß-Gerau, Auf Esch, waren große Ansiedlungen und Garnisonen. In Abständen von ca. einem Tagesmarsch wurden Stützpunkte errichtet und so wird auch auf Grund von Befliegungen ein Lager in Nauheim, Seichböhl, im Gebiet der "Herrenwiese", vermutet. Im Herbst 2000 wurde eine geomagnetische Erkundung durchgeführt, um die Ausmaße dieses Lagers zu erforschen. Die Erkenntnisse daraus sind leider nicht sehr ergiebig; es müssen nun Grabungen vorgenommen werden, um weitere Ergebnisse zu bekommen.

Münze mit Kaiser Hadrian


In der "Ebertslache", wie auch entlang der Berzalle (Aussiedlerhof Kuhlmann) und in der Gewann "Gartenfeld", wurden Fundgegenstände aus römischer Zeit geborgen. Man vermutet eines oder mehrere Gebäude in diesen Bereichen. Gräber im "Hartmannsloch" und weitere Funde im "Atzelhorst" und auf dem "Feldchen" belegen die verstreute Siedlungsaktivität der Römer in unserer Region. Die Berzallee könnte als Trassenführung einer römischen Route nach Mörfelden entsprechen.

Kaiser Antonius

          

Pertinax




Die Römer im Rhein-Main-Gebiet.

Man kann keine Chronik eines Ortes unserer Gegend schreiben, ohne daß hierbei die Römer in den Gesichtskreis träten. Ist für dieGeschichte der Römer das Jahr 260 n. Chr. (Fall des Limes) das Endjahr ihrer Herrschaft hier am Rhein, so ist für die Geschichte der Germanen das Jahr 496 n. Chr. ein entscheidendes Jahr. Es gibt keinen Ort im Rhein-Main-Gebiet, der nicht in irgendwelcher Weise zu diesen einzelnen Größen mittelbar oder unmittelbar in Beziehung stände. Durch Cäsars Gallischen Krieg, wie durch Tacitus Germania und auch seine Annalen sind wir über vieles unterrichtet. Dazu kommen neben diesen historischen Berichten die vielerlei Denkmäler und Funde. Sie alle reden von dem gewaltigen Ausdehnungswillen des römischen Imperiums. Gajus Julius Cäsar (60-52 v. Chr.), Drusus (12-9 v. Chr.) und Germanikus (14 bis 16 n. Chr.) sind die hervorragendsten Beweise dafür. Dreierlei aber charakterisiert die Gewalt dieser römischen Herrschaft:

1. Der römische Limes mit seinen Kastellen,

2. Das römische Straßensystem mit seinen Verkehrswegen,

3. Das römische Geld.

Auf der Anhöhe über dem Rhein legte um Christi Geburt Drusus das Kastell Mogontiacum (Mainz) an, das während der römischen Herrschaft Ausgangspunkt aller kriegerischen Unternehmungen in Mitteldeutschland war. Der Limes war die große befestigte Grenzlinie der Römer, die in einer Länge von 548 km die Provinzen Obergermanien und Rätien zwischen Rhein und Donau gegen die germanischen Völker abschloß, das eindrucksvollste Werk der römischen Vergangenheit hierzulande. Nachdem der Plan des Augustus, die Reichsgrenzen bis zur Elbe vorzuschieben, aufgegeben war, bildeten zunächst Rhein und Donau die Grenze. Windisch (Vindinissa), Straßburg (Argentoratum) und Mainz (Mogontiacum) waren die wichtigsten militärischen Plätze, die als Stützpunkte für die Besitznahme des rechtsrheinischen Gebiets dienten. Diese begann unter dem Kaiser Claudius (41-54 n. Chr.), wurde besonders unter Vespasian (69-79 n. Chr.), Domitian (81-96 n. Chr.) und Hadrian (117-138) fortgeführt und unter Antonius Pius (138-161 n. Chr.) beendet. Der obergermanische Limes (382 km) beginnt unterhalb Rheinbröhl, zieht über Ems zum Taunus, umschließt die Wetterau, folgt von Groß-Krotzenburg über Miltenberg hinaus über den Main und schließt sich bei Lorch i. Württ. an den rätischen Limes an. Er ist in seinem letzten Zustand wohl unter Caracalla (+ 217) als 6 m breiter Graben mit unmittelbar dahinter liegendem Wall gebaut und wird häufig als Pfahlgraben bezeichnet. Die Entstehung dieses Namens geht auf die Palisaden zurück, mit denen Hadrian (117-138) dicht vor dem Graben die gesamte Grenze hatte abschließen assen. Der Limes war mit über 1000 ursprünglich aus Holz bestehenden, später in Stein umgebauten Türmen besetzt, die zur Aufnahme der Wachtposten bestimmt waren. Die Mannschaften hierfür wurden aus den in mehr oder weniger großer Entfernung hinter den Grenzen liegenden Kastellen (Saalburg) und Kasernen gestellt, deren mehr als hundert bekannt sind.

Der Limes diente in erster Linie der Überwachung der Grenze und dem Signaldienst. Er fiel unter den Anstürmen der Alemannen (233 und 259 n. Chr.). Auf weiten Strecken können wir heute noch in den Wäldern am Nord- und Ostrand der Wetterau den römischen Grenzwall mit seinem davor liegenden Spitzgraben abwandern und in regelmäßigen Abständen die Schutthügel der einstigen Wachttürme beobachten. Im Odenwald stand noch vor hundert Jahren vielfach meterhoch das Mauerwerk der Grenzkastelle. Sehen wir uns nun eine Fundkarte der Umgegend von Groß-Gerau, etwa die von Wilhelm Hermann Diehl in Volk und Scholle, Jg. 6, 1928, S. 179, an, dann sehen wir in der Nähe von Dornberg ein römisches Castell angegeben. Sonst sehen wir in der Gegend von Groß-Gerau verschiedene, auch in Nauheim im Atzelhorst einige römische Fundstellen. Es ist das Dekumatenland, das von römischen Meierhöfen besetzt ist. (Altertumskunde Groß-Gerau vom 21.1.1928, Heimatspiege.l 1928, Nr. 3). Es ist das Land, das hinter dem Limes liegt, wo man durch römische Ansiedlungen von Veteranen, vielleicht auch von allerlei römischem Handelsvolk gewisse Sicherheit schaffen wollte. Eine sehr dichte Besiedlung wird hier vor allem in der südlichen Wetterau deutlich (Meierhof südlich von Esch, Gemarkung Wallerstädten; Gambacher Villa, Krs. Friedberg).

Die römischen Kastelle sowie der Weg zur Grenze sind durch ein ausgedehntes römisches Straßennetz verbunden. Eine solche ausgedehnte Römerstraße ist der sogenannte Aschaffenburger Weg, eine Straße, die von Mainz über Rüsselsheim durch den Wald nach Aschaffenburg führt, auf der in ihrer ganzen Länge dauernd Funde gemacht werden. Eine weitere solche Römerstraße ist die sogenannte Steinerne Straße, die von Vespasian (69-79 n. Chr.) erbaut wurde, und die von Mainz über Bischofsheim, Hof Schönau, Groß-Gerau, Gernsheim, Ladenburg, Heidelberg führte. Auf ihr wurden unter Domitian (81-96 n. Chr.) die beiden Kastelle auf Esch bei Groß-Gerau und bei Gernsheim erbaut. Diese Straßen sind gerade Schneisen. Der Steinerne Weg führt an der Flur Herrenwiese unserer Nauheimer Gemarkung vorüber, an Wallerstädten nördlich vorbei, nach Berkach.

Ein drittes Kennzeichen römischer Herrschaft sind außer den römischen Waffen, Grabsteinen, Häusern, Wasserleitungen, Heizanlagen vor allem die römischen Münzen. Diese Münzen haben neben ihrer wirtschaftlichen Bedeutung auch kulturelle Bedeutung. Gerade die römischen Münzen waren ein sehr starkes staatliches Propagandamittel zur Verkündigung der römischen Weltmachtspläne. Auch religiöse Anschauungen, wie sie vor allem mit dem römischen Kaiserkult im Zusammenhang stehen, kommen auf diesen Münzen zum Ausdruck. In der Gemarkung Nauheim und seiner näheren Umgebung wurden einige römische Münzen gefunden. Es wurde gefunden:

1. Eine Kupfermünze, 1 Aß. Die Umschrift lautet Divus Augustus Pater. Sie trägt das Kopfbild des Kaisers Augustus auf der Vorderseite (27-14 n. Chr.). Die Rückseite zeigt einen Altar mit den beiden Abkürzungen S. C. zu beiden Seiten des Altars. S. C. bedeutet: Senatus Consultu zu deutsch: mit Einwilligung des Senats, Römische Münzen durften nur nach Beschluß des römischen Senats geprägt werden. Darunter steht: Providentia, ein Hinweis auf die göttliche Allmacht. Die Münze ist nach dem Tod des Kaisers Augustus wie der Ausdruck Divus, d. h. der Göttliche verrät, unter dem Kaiser Tiberius oder auch Claudius geprägt worden. Die göttliche Kaiserverehrung kommt hier klar zum Ausdruck.

2. Eine weitere Münze ist unter Diocieti an (284-305 n. Chr.) geprägt. Es ist ebenfalls eine Kupfermünze, ein Antoninian. Die Vorderseite trägt das Bild des Kaisers mit der Kaiserkrone in Form der Strahlenkrone des Sol. Die Umschrift lautet: Imp. Cäs. Val. Dioletianus p. f. aug. (pius felix augustus). Die Rückseite trägt die Umschrift: concordia militum. Darunter befindet sich das Bild zweier Soldaten, die sich die Hände reichen, und über denen die Siegesgöttin Viktoria schwebt. Darunter die beiden Buchstaben H. B. Sie zeigen an, daß die Münze in der Münzstätte zu Heraclea (H.) geschlagen wurde. Das B bedeutet das Officium. Diocletian war einer der mächtigsten Kaiser des römischen Reiches. Geschmückt mit der göttlichen Strahlenkrone des Sonnengottes stützt er seine Macht auf die Gewalt seiner Heere (Concordia Militum). Sein Reich erstreckt sich bis weit in den Orient hinein, wie die Münzstätte Heraclea anzeigt und reicht bis an den Rhein, wie die Fundstätte beweist.

Eine 3. Münze stammt aus der Zeit Konstantins des Großen (305-337). Es ist eine Centemionalis. Sie stellt Constantin auf der Vorderseite im Brustbild dar. Die Rückseite zeigt einen Altar mit der Umschrift: Bea la tranquilitas (Der glückliche Friede). Die Vorderseite trägt die Umschrift: Constan[tinus] aug[ustus]. Constantin ist der römische Kaiser, unter dem das Christentum zur Staatsreligion erhoben wurde, unter dem die christlichen Verfolgungen aufhörten und der Konstantinopel zu seiner Residenzstadt machte. Die Münze trägt keine christlichen Abbildungen.

Eine 4. Münze stammt seltsamerweise von dem oströmischen Kaiser Arkajius (395-408). Die Vorderseite zeigt das Brustbild des Kaisers. Die Umschrift heißt: D. N. Arkadius p. f. augustus. Die Rückseite zeigt die Worte virtus exerciti ( !) Hier sieht man den stehenden Kaiser mit dem Labarum (Kreuzesfahne) in der einen, den Erdball in der anderen Hand. Er setzt seinen Fuß auf einen Feind, der vor ihm kniet. An der einen Seite sieht man das Christuszeichen links, rechts oben das Kreuz. Arkadius ist ein oströmischer Kaiser, Sohn Theodosius des Großen. Er gehört wie die Embleme zeigen, dem Christentum an.

Diese sämtlichen vier Münzen sind in Trebur gefunden. Daß es aber ähnliches auch in Nauheim gegeben hat, dafür ist nur eine Münze Zeuge. Es ist ebenfalls eine Kupfermünz:e. Sie stellt den scharfgeschnittenen Kopf des Kaisers Hadrian (117-138 n. Chr .) in guter Prägung dar. Der Kopf ist nach rechts gewandt. Die Rückseite zeigt wieder die Buchstaben S. C. (senatus consultu, mit Einwilligung des Senats) dazu eine Frauenfigur, offenbar die Göttin Ceres, in der einen erhobenen Hand eine Schale mit Früchten, in der anderen gesenkten Hand zwei Ähren. Hadrian ist der mächtige Kaiser, unter dem der Grenzwall gegen die Germanen vollendet wurde. Die hier gefundenen Münzen sind die deutlichen Zeugen römischer Herrschaft, die auch hier über unser Land ging. Daß die Funde nur selten sind und vereinzelt auftreten, mag damit zusammenhängen, daß das Geld nur gelegentlich in die Hände hiesiger Siedler kam. Auch sonst sind in der Umgegend nur wenige römische Münzfunde vom besonderen Werte gemeldet.(Groß-Gerauer Fundbuch Nr. 35 auf dem Esch. gefunden: eine kleine Silbermünze aus der Zeit des Kaisers Trajan [98-117 n. Chr.]. sehr gut erhalten, eine römische Kupfermünze von Augustus [31-14 n. Chr.], eine kleine Silbermünze mit dem Bild der Julia Mamäa, der Mutter des Alexander Severus (222-235 n. Chr.).

Waren die Römer die fremden Herren dieses Landes zwischen Rhein und Main und suchten es unter allen Umständen im Gebiet ihrer Herrschaft festzuhalten, so kamen die Germanen auch nicht weniger als Eroberer und Eindringlinge.



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