Die Vermessung der Nauheimer Hochwassersteine                           

Nach dem Jahrhunderthochwasser 1882/83 hat die Gemeinde zur Erinnerung "Hochwassersteine" an markanten Punkten in Dorf und Gemarkung setzen lassen. Eine waagrechte Markierung auf den rechteckigen Sandsteinsäulen zeigt der Nachwelt, wie hoch um die Jahreswende 1882/83 in Nauheim das Rheinwasser stand. Es wurden damals sechs Steine gesetzt, derzeit existieren noch fünf. An zwei Steinen wurden in den vergangenen 100 Jahren die Straße erneuert, Abwasserkanal, Trinkwasserleitung, Stromkabel usw. verlegt. Ein Stein war wenigstens einmal von einem Fahrzeug umgefahren und versetzt worden. Mindestens ein Stein war von einem Anlieger "mal etwas günstiger platziert" worden.  Selbst von dem Stein im Pfarrgarten tauchten Gerüchte auf, er habe einmal wieder aufgerichtet werden müssen. Nur der Hochwasserstein  am Waldrand in der Flügelhecke soll an der Originalstelle sein.

Ein weiterer, möglicher Messpunkt: 1882/83 hatte im Hause Vorderstraße 13 der Landwirt Friedrich Mischlich II. (1837-1912) die Höhe des Hochwasserstandes am Pfosten seines Scheunentores markiert. Scheune und Tor stehen unverrückt bis heute. Nach Rücksprache mit dem heutigen Eigentümer Kurt Mischlich sollte diese wohl bestimmt nicht veränderte Höhenangabe mit zur Kontrolle der anderen Messwerte dienen.

Am Bahnhof in Nauheim, so lernten es alle Nauheimer Schüler einst, ist ein Höhenmesspunkt eingemauert. Seine Oberkante sei genau 89,53 Meter über Normal-Null (müNN). Aber wie kann man die Markierungen auf den Hochwassersteinen mit dieser Höhenangabe des Kataster-Messpunktes vergleichen, um festzustellen, ob die Hochwassermarkierung auf allen Steinen überhaupt richtig ist?  

Das "Amt für Bodenmanagement" (früher: Katasteramt) in Heppenheim reagierte auf die Anfrage des Nauheimer Dorfchronisten, Harald Hock, für eine Nachmessung, dass Auszubildende (Geomatiker) im Amte ihre erworbenen Kenntnisse an einem realen Problem erproben könnten. So würden auch keine Kosten entstehen.

Am 19.4.2013 begannen die Jung-Geomatiker, Selia Fink und Robin Jahn, mit der Aktion. Nach dem Vertrautmachen mit den Örtlichkeiten, erfolgte das Einmessen der innerörtlichen Hochwassersteine. Von den Höhenmesspunkten wurde jeweils zur Hochwassermarke gemessen und dann auch wieder zurück. So wurde eine größere Genauigkeit erreicht und mit einer vergleichenden Fehlerrechnung die Messungenauigkeit unter einen Millimeter Höhendifferenz reduziert.

Mit dem GPS-Verfahren, also mit Hilfe von Satelliten, wurde die Messung durchgeführt. Acht Satelliten, mit den Messgeräten erfassbar, übernahmen die bekannte Höhe des Messbolzens am Hause (Tankstelle) Voltz und bestimmten damit auf weniger als einen Höhenmillimeter genau die Höhe der Markierung des Hochwassersteines an der "Flügelhecke" im "Seichböhl".

Die Höhen der Markierungen an den Hochwasser- Markierungssteinen betragen:
Stein vor Vorderstraße 28/30                                 87,4703 m NHN
Stein vor Haus Hintergasse 5                                 87,4762 m NHN
Stein im östlichen Teil des Pfarrgartens                87,4869 m NHN
Markierung am Scheunentor Vorderstraße 13     87,4829 m NHN
Durchschnittliche Fluthöhe im Ort:                   87,4800 m NHN
Stein an der Waldecke Flügelhecke                      87,342 m NHN

Dieser Stein zeigt also einen um 13,7 cm niedrigeren Wasserstand an. Ursache dieser unerwarteten Abweichung von den Höhenwerten im Ort kann ein anderer Zeitpunkt oder ein Fehler beim Markieren sein; auch die geringere Höhe der auslaufenden Hochwasserwelle, die diesen Standort erst nach Umfließen des Seichböhls und des gesamten Dorfes erreichte. Sicheres lässt sich aber nicht sagen.

Stein im Hof der Museums-Remise                         88,2913 m NHN
Hinweis: Dieser Stein mit der Hochwassermarke stand einst an der Mauer des längst abgerissenen Faselstalles vor dem Ort (heute: Waldstraße neben Grundstück Berzallee 2A). Der Stein wurde, als er zu seiner Bewahrung vor der Remise aufgestellt wurde, um 81,22 cm zu hoch gesetzt.  

Erstmals ist also jetzt die Höhe des Rheinhochwassers 1882/83 für den interessierten Nauheimer nicht nur an den 5 Hochwassersteinen abzulesen, nein, er kann jetzt auf jeder Karte, die Höhenlinien enthält (z.B. das Messtischblatt Nr. 6016 mit dem Maßstab 1:25 000 von Groß-Gerau/Nauheim), sich den Wasserstand in der gesamten Gemarkung Nauheim ansehen. Er braucht nur der Höhenlinie 87,48 m NHN (durchschnittliche Hochwasserhöhe) auf der Karte zu folgen.

Erste Anwendung mit dem Ergebnis der Höhenmessungen

Die zur Erinnerung an das Hochwasser 1882/83 in Nauheim von der Gemeinde errichteten Gedenksteine mit Markierungen des Höchstwasserstandes zeigen alle fast genau die gleiche Höhe über dem Meeresspiegel an. Dieses überraschende Ergebnis ist sehr erfreulich, denn man musste nach all den Berichten und Gerüchten von Umsetzungen seit 1900 mit deutlich größeren Abweichungen rechnen. Die jetzt ermittelten 87,48 Meter NHN erlauben, auch den Hochwasserstand an einigen anderen Punkten im Ort zu bestimmen. Zunächst, als Beispiel, an den vier katasteramtlichen Höhenmesspunkten, die zu den Messungen herangezogen wurden.

Messpunkt 1095, Kirchstraße 12      
88,591 m NHN minus 71 cm Bodenabstand = Bürgersteighöhe ist  87,88 m NHN, Hochwasserstand war 87,48 m NHN, somit 40 cm höher als der Hochwasserstand, deshalb kein Wasser vor dem Haus.

Messpunkt 1096, Mühlstraße 21     
89,536 m NHN minus 46,5 cm Bodenabstand entspricht der Bürgersteighöhe von 89,071 m NHN. Der Hochwasserstand war 87,48 m NHN, also 1,59 m höher als der Hochwasserstand und somit kein Wasser vor dem Haus.

Messpunkt 0063, Tankstelle Voltz        
88,227 m NHN minus 36,0 cm Bodenabstand entspricht der Bürgersteighöhe 87,867 m NHN. Der Hochwasserstand war 87,48 m NHN, also rund 39 cm höher als der Hochwasserstand; auch kein Wasser vor dem Haus.  

Messpunkt 1100, Bahnhof:                        
89,546 m NHN minus 37,5  cm Bodenabstand entspricht der Bahnsteighöhe von 89,171 m NHN. Der Hochwasserstand war 87,48 m NHN, also war der Bahnsteig 1,69 m höher als der höchste Hochwasserstand.

Überraschend ist: keine dieser vier Stellen erreichte die Hochwasserflut! War das Hochwasser gar nicht so schlimm? In der Kirchstraße 12, kaum 100 m vom Schwarzbach entfernt, stand kein Wasser vor dem Haus?

Wie hoch die Fluten der beiden letzten "Jahrhundert-Hochwasser" (1784 und 1882/83) in Nauheim standen, ist lokal fast nur von den Pfarrern überliefert. Zur Flut 1882/83 gibt es auch Berichte aus überregionalen Zeitungen, in denen relativ wenig zu Nauheim festgehalten ist. Denn, während in einigen Gemeinden die Gemarkung vollständig überschwemmt war, stand Hochwasser in Nauheim praktisch nur in den Schwarzbach-Auen. Und Alt-Nauheim liegt nun einmal direkt am Ufer des Ortsbaches. Die Wohnung des Pfarrers sogar an einer der tieferen Stellen des alten Ortes. Seine Berichte sind seiner Situation und der Alt-Nauheims etwas angepasst, werden der Situation im neueren Ortsteil und in der Gemarkung wohl nicht ganz gerecht.

Bei dem sog. Jahrhunderthochwasser 1784 war Johann Christian Preibisius (ab 1770 / gest. 12.6.1793) Pfarrer in Nauheim. Er berichtet "Von der Hausthür am Pfarrhaus war am 1ten März nur noch eine Stufe vom Wasser frei".  Hundert Jahre später berichtet 1882/83 Pfarrer Eckhardt (ab 4.2.1875 / gest. 29.6.1883): "Die drei untersten Stufen der Treppe vor dem Pfarrhaus waren vom Waßer bedeckt." Die Treppe ist leider mit dem Pfarrhaus abgerissen worden; alte Fotografien zeigen, dass die Treppe sechs Stufen hatte. Wenn man die Höhe einer Stufe mit 20 cm einschätzt, hat man erstmals einen Vergleich der beiden "Jahrhunderthochwasser": 1784 stand die Flut im Ort fast einen halben Meter höher als 1882/83. Pfarrer Eckhardt berichtet, dass die Flut stand in "65 Hofreithen mit Scheuern und Stallungen und drang in 25 Häuser, so daß die Leute in die oberen Stockwerke oder in die Vorstadt flüchten mußten. Die ganze Hintergaße, die Vordergaße bis an das dritte Haus von der Kirche an, der größte Theil der Pfarrgasse und der Waldstraße (Wüsten Wiese), sowie ein Theil der Schulstraße  (Römer) und der westliche Giebel des Rathhauses war im Waßer".  Pfarrer Preibisius hat 100 Jahre zuvor aufgeschrieben: "Das Gewäßer nahm von stund zu stund zu. Das Vieh wurde schon an manchen Orten mit lebens Gefahr herausgezogen und grosen theils nach Mörfelden und Münchbruch gebracht. Die Teiche von Mayn und Rhein waren an verschiedenen Orten durchgebrochen und den 1ten Merz abends um 5 Uhr stand unser ganzes Dorf unter Wasser. Nur die Kirche und Schule mit etlichen Häusern waren noch frey."

1784 kam das Hochwasser so schnell und in so großer Menge, wurde noch von keinem Eisenbahndamm gehemmt, dass die Bauern ihr Vieh wegen des bereits zu hohen Wasserstandes nicht mehr über die einzige Schwarzbachbrücke (Mühlstraße) in Sicherheit bringen konnten und zum Teil bis zum Mönchbruch fliehen mussten. 1882/83 drang zwar in 65 Hofreiten das Wasser ein, in 25 Wohnhäusern mussten die Bewohner in den ersten Stock ziehen, aber das Vieh wurde nur in die "Vorstadt" getrieben (heute Mühlstraße, Bahnhofstraße und Königstädter Straße) und war in völliger Sicherheit vor der Flut, die der Bahndamm mit seinen nur drei Bachbrücken diesmal deutlich langsamer hatte nach Alt-Nauheim strömen lassen.

Auch die Überlieferung, dass "die Treburer mit dem Boot zum Nauheimer Bahnhof fuhren" ist missverständlich: Trebur war - außer der Laurentius-Kirche -  ganz überflutet und mit dem Boot fuhr man den Schwarzbach aufwärts, aber nicht direkt zum Bahnhof, der samt Gleisen und Bahnhofstraße rund anderthalb Meter aus dem Wasser ragte, sondern bis zum Bahndamm vor dem Bahnhof Richtung Groß-Gerau. Überhaupt bietet der Bahndamm eine gute Möglichkeit, sich den Hochwasserstand vorzustellen: wo der Damm höher als 1,5 m seine Umgebung überragt, stand an seinem Fuß 1882/83 die Flut des Rheinhochwassers.

                                                Quelle: Autor Harald Hock vom 11.9.2013 (gekürzt)