Denkmaltopografie von Nauheim

- Vorentwurf  -

Historischer Ortskern von Nauheim  Teil I

 

Recherche: Harald Hock und Wilhelm Kuhlmann, Nauheim
Textfassungen: Eva Patricia Reinhold-Postina, Seeheim-Jugenheim und
Fachhochschule Darmstadt, FB Architektur, Prof. Franz Oppermann
Fotos und Internetbearbeitung: Hans Joachim Brugger, Nauheim

Hintergasse - (alle Hausnummern), Vorderstraße 1 - 15 und 2 - 34, Schulstraße 2, Mühlstraße 2, Waldstraße 2 - 16, (Westseite) Pfarrgasse - (alle Hausnummern), Heinrich-Kaul-Platz (komplett und alle Hausnummern)

 

Örtliche Lage der Nauheimer Kulturdenkmale

 

Die Gesamtanlage umfasst den gesamten historischen Ortskern Nauheims innerhalb der Grenzen des historischen Dorfgrabens und des Schwarzbaches. Der Großteil der zweigeschossigen Fachwerkwohnhäuser und Hofreiten geht auf das 17. Jahrhundert zurück und kann durch Nauheims älteste historische Quelle, das Ackerbuch der Gemeinde aus dem Jahre 1688, belegt werden. Die meisten der historischen Häuser im alten Ortskern datieren sogar aus früherer Zeit. Sie sind 1688 bereits als Wohnhäuser belegt; einige stammen aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg.

1715 beschloss die Gemeinde, den alten Dorfgraben zuzuschütten. In der Folge wurde auf dem zugeschütteten Areal gebaut; die Häuser auf dem historischen Dorfgraben datieren aus der Zeit zwischen 1715 und etwa 1740. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts setzte sich eine etwas veränderte Bauweise durch: Wegen der drohenden Hochwassergefahr im Bereich des Schwarzbachs, wurden die Häuser mit erhöhtem Sockel gebaut.

Zu den geschichtlich interessanten Häusern innerhalb des historischen Ortskernes gehört unter anderem das Wohnhaus des ehemaligen Bürgermeisters Heinrich-Kaul, nach dem die frühere Rathausstraße umbenannt wurde. Das bereits 1688 belegte und 1981 umfassend renovierte Wohnhaus von Bürgermeister Heinrich Kaul, am Heinrich-Kaul-Platz 9, ist ein für den Ortskern charakteristisches zweistöckiges Fachwerkhaus mit Giebelgeschoss. Das Erdgeschoss ist massiv gemauert und verputzt, die Fenster im Erdgeschoss sitzen in Naturstein-Laibungen, der Putz ist kissenartig aufgetragen. Das giebelständige Wohnhaus ist in schlichter Fachwerkbauart konstruiert, mit seitlichen Streben und ohne zusätzliches Dekor. Zum. Anwesen gehört die Toreinfahrt zum Hof mit Sandsteinpfosten, die das Haus - wie seine Nachbarn - zur Straße hin abschließt.

Auch verschiedene Häuser in der Vorderstraße haben eine interessante Vergangenheit. Das Haus Vorderstraße 11 etwa stand ursprünglich bei der Mühle. Es wurde 1776 in die Vorderstraße 11 transloziert. Das Haus Vorderstraße 12 gehört zu den ältesten Wohnhäusern Nauheims und ist bereits im Ackerbuch von 1688 als Wohnhaus belegt. Auch das Wohnhaus in der Vorderstraße 24 ist von geschichtlichem Interesse. Es ist das ehemalige Wohnhaus des Pfarrers Georg Paul Ayrer, der von 1687 bis 1691 Pfarrer in Nauheim war. Das Haus muss damals schon gestanden haben: Ayrer kaufte sich dort während seiner Amtszeit ein. An der Scheune des Hauses weist ein Balken mit Zahl 1757 auf das wahrscheinliche Baualter hin.

Bei der Sanierung. des Wohnhauses in der Vorderstraße 30 fand sich Anfang der 1990er Jahre ein interessanter Hinweis auf Spuren jüdischen Glaubens in Nauheim. Im nach 1740 am Rande des ehemaligen Grabens ge­bauten Hauses fanden sich Reste der einstigen Laubhütte der jüdischen Gemeinde. Das Haus selbst war ursprünglich von einer jüdischen Familie bewohnt gewesen, die Spuren der Laubhütte fanden sich in der heutigen Waschküche hinterm Haus.

 

 Heinrich-Kaul-Platz 2 – 4              Fl. 1

 Evangel. Pfarrkirche                     Flst. 55/1

 Die evangelische Pfarrkirche entstand 1753 nach den von Baumeister Johann Konrad Lichtenberg für  die Ginsheimer Kirche entworfenen Bauplänen, die von dem Darmstädter Baudirektor Helfrich Müller  den Nauheimer Platzverhältnissen angepasst wurden.

 Die Einweihung der Kirche feierte die Gemeinde am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1753. Es  handelt sich um einen schlichten Saalbau mit typisch barocken Formen. An der Frontseite hat die  Kirche zwei große Fenster mit Segmentbögen, über dem mittig gelegenen Eingang erhebt sich ein  schmaler Risalit mit Dreiecksgiebel, darüber befindet sich ein Dachreiter als Glockenturm. Die  Fassaden der giebelständigen Kirche sind verputzt, das steile Zeltdach ist mit Schiefer gedeckt.

 Im Innern besitzt die Saalkirche eine vierseitig umlaufende Empore, auf der Altarseite sind Kanzel und  Orgel integriert. 1767 bekam die Kirche eine Orgel, gebaut von dem bekannten Mainzer Orgelbauer  Anton Onymus; die heutige Orgel wurde 1925 von Förster und Nikolaus aus Lich in Oberhessen  erstellt.

 Die Kirche ist Kulturdenkmal aus künstlerischen und ortsgeschichtlichen Gründen.

 

Heinrich-Kaul-Platz 8                                        Fl. 1
Altes Rathaus
                                                    Flst. 59/1

Das historische Rathaus wurde 1755 gebaut und 1984-86 komplett restauriert. Es ist ein zweigeschossiges Fachwerkhaus mit Bruchsteinsockel, biberschwanzgedecktem Krüppelwalmdach mit Giebelgeschoss, barocken Segmentbogenfenstern im Giebel und markanten Spitzgauben. Der Eingang liegt auf der Traufseite. Die Fenster haben Klappläden. Das Schmuckfachwerk ist gut erhalten. Zu den Zierelementen gehören Andreaskreuze und Fußstreben in den Brüstungsfeldern. Uber dem Eingang ist eine Inschrift mit dem Baudatum eingeschnitzt: Das historische Rathaus war - wie schon der 1588 gebaute und 1755 wegen Baufälligkeit abgerissene Vorgängerbau - gleichzeitig auch Schule. Bis 1837 wurde in einem Schulsaal unterrichtet. Im Jahre 1959 gab die Gemeinde Nauheim das historische Rathaus auf. Bis zur umfassenden Renovierung 1984/86 diente es unter anderem als Notunterkunft. Wiedereinweihung des denkmalgerecht sanierten Rathauses war am 7.12.86. Das Anwesen wird heute als Bürger­haus und für Trauungen genutzt. Der Sandsteinbrunnen mit Pumpe vor dem alten Rathaus stammt von 1984. —  Das Gebäude ist Kulturdenkmal aus baukünstlerischen, ortsgeschichtlichen und städtebaulichen Gründen.

 

Heinrich-Kaul-Platz 9          Fl. 2         

Hofreite                                  Flst. 185

Vollständig erhaltene Hofreite mit straßenseitig zwei giebelständigen Wohnhäusern. Haupt- und Nebengebäude haben jeweils ein massiv ausgebildetes Erdgeschoß; Ober- und Dachgeschoß zeigen einfaches Sichtfachwerk ohne Verzierungen auf. Das Nebengebäude definiert durch seine in den Straßenraum gerückten Position eine Verengung des Straßenzuges, bevor sich der Platz zum historischen Rathaus hin öffnet. Das Nebengebäude prägt somit den historischen Straßenraum und die Platzbildung vor dem  historischen Rathaus und ist deshalb Kulturdenkmal aus städtebaulichen Gründen.

 

Fachwerkhaus Hch.-Kaul-Platz 10

Heinrich-Kaul-Platz 10      Fl. 1

Fachwerkhaus                     Flst. 314/1

Bei dem Fachwerkhaus handelt es sich wahrscheinlich um das älteste Gasthaus Nauheims. Als Besitzer des Hauses wurde im Ackerbuch 1688 Johann Christoph Kuhlmann genannt, von Beruf Küfer, Bierbrauer und Wirt. Hinweise aus dem Kirchenbuch (Hochzeit der Tochter Kuhlmanns 1667 aus diesem Hause) lassen auf ein älteres Baudatum schließen. Das giebelständige Fachwerkhaus hat einfache Mannfiguren. Erhaltenswert sind auch der barocke Torpfosten und der Prellstein.

Das zweigeschossige, giebelständige Sichtfachwerkfachwerkhaus mit einfachen Mannfiguren und profilierten Schwellen zeigt eine rhythmische Fensteranordnung sowie eine Dreizonigkeit im Grundriss.

Es handelt sich um ein Kulturdenkmal aus städtebaulichen Gründen als wichtiger Bau im Straßenraum im Hinblick auf die nachfolgenden Gebäude der Hintergasse.

 
Innenansicht der Hofreite Heinrich-Kaul-Platz 10
 

 

Heinrich-Kaul-Platz 11                 Fl. 2   
Fachwerkhaus                               Flst. 186/2    

Das ehemalige Brauhaus mit Wirtschaft stammt von  1715 und wurde als Gasthaus "Zum Hirsch" bis in die 1960er Jahre betrieben. Bei der Sanierung 1988/89  wurde die Fachwerk- Fassade im Obergeschoss  freigelegt. Das Erdgeschoss ist massiv gemauert und verputzt. Markantes Fassadenelement des traufständigen Hauses ist der mit Holz verschindelte Giebel. Zum Anwesen gehört die Tordurchfahrtauf der rechten Seite, mit Bruchsteinpylonen, Überdachung,  großem Holztor samt Handpforte.

 

Heinrich-Kaul-Platz 16               Fl. 1                        

Hofanlage mit Mauer                  Flst. 320

 

Das Anwesen wurde erstmals im Nauheimer Ackerbuch 1688 erwähnt. Mit zum erhaltenswerten Areal gehört die Einfriedung, die den Garten umfasst, der auf dem Anfang des 18. Jahrhunderts verfüllten Dorfgraben liegt. Auffällig ist das reiche Fachwerk mit Rautenmuster und Verstrebungen im Giebel sowie profilierten Schwellen. Das schlichte Satteldach hat Aufschieblinge und war im Original mit Biberschwanz gedeckt. Das Haus mit extrem niedrigen Geschosshöhen gehört stilistisch zur Renaissance.

Das Eckgebäude ist Kulturdenkmal aus künstlerischen und städtebaulichen Gründen als ein wichtiger Bestandteil des Heinrich-Kaul-Platzes. Die gesamte Hofanlage kann typisch als Beispiel für den Hof eines Großbauern gelten.

 

 

Pfarrgasse 2          Fl. 2    
Hofreite                   Flst.180              

Das Anwesen stammt wahrscheinlich aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg und wurde um 1600 gebaut. Es ist im Ackerbuch 1688 belegt, ohne Hinweise auf vorherige bauliche Veränderungen. Auf der Rückseite ist ein Teil des Fachwerkes erkennbar. Erhaltenswert sind außer dem Wohnhaus auch die zur Hofreite gehörenden Nebengebäude, die Toreinfahrt mit barocken Pfosten und auch die Bruchsteinmauer zur Schulstrasse hin. 

Das Bild (li.) zeigt das Haus während        der Renovierung.


Die erfolgreiche Restauration (o.) wurde im  Jahre 2002 abgeschlossen.

 

Pfarrgasse 4                             Fl 2

Hofreite                                     Flst 179

Die Hofanlage geht zurück auf die Zeit um 1700. Damals wurden im Flurbuch der Gemeinde Nauheim Scheune, Schweine- und Pferdestall an dieser Stelle vermerkt. Besitzer war der Eigentümer des Nachbarhauses Pfarrgasse 2, Dreyeicher. Das Wohnhaus selbst datiert aus der Zeit um 1740. Es ist der Nachfolgebau eines im Dreißigjährigen Krieg zerstörten Anwesens. Unter dem Verputz lässt sich intaktes Fachwerk vermuten. Erhaltenswert ist auch die Bruchsteinmauer zur Schulstrasse (Rückseite) hin.

       

Pfarrgasse 6          Fl. 2
Hofanlage              Flst. 177/1

Die Hofanlage datiert aus der Zeit um 1740. Im Nauheimer Flurbuch von 1700 ist die Parzelle noch als unbebaut ausgewiesen. Die Hofreite samt Garten sowie die erste alte Scheune und eine zweite neuere Scheune sind aus dem Jahr 1740 belegt. Das giebelständige Wohnhaus datiert ebenfalls aus dieser Zeit. Unter dem Verputz des Hauses lässt auf Grund der Fensteranordnung noch intaktes Fachwerk vermuten. Das steile Satteldach war im Original mit Biberschwanzziegeln gedeckt und hat Aufschieblinge.

 

Pfarrgasse 7                 Fl. 2
Fachwerkhaus             Flst. 165/1

Das giebelständige Wohnhaus stammt aller Wahrscheinlichkeit nach aus der Zeit um 1700. Unter dem Verputz des Hauses lässt sich intaktes Fachwerk vermuten. Die Fensterteilung, Fassadenversprünge in Höhe der Balkendecken, wie auch die erkennbaren hölzernen Faschen an den Fenstern zur Strasse hin und im Obergeschoss der Hoffassade lassen den Rückschluss auf Fachwerk zu. Das früher wohl mit Biberschwanz gedecktes Satteldach hat Aufschieblinge. An das Haus wurde später angebaut.

 

Pfarrgasse 13                     Fl. 2
Pfarrscheune                     Flst. 220

Die historische Pfarrscheune, heute evangelisches Gemeindehaus, stammt wahrscheinlich aus der Entstehungszeit des Pfarrhauses, das 1747/48 nach Plänen von Johann Konrad Lichtenberg gebaut worden war und im Jahre 1960 wieder abgerissen wurde. Zum Pfarrhaus gehörte auch ein Waschhaus. Der Bau der existierenden Fachwerkpfarrscheune selbst ist allerdings nicht belegt. Auf dem Grundstück befindet sich ein Sandsteinblock mit der eingemeißelten Markierung des Winterhochwassers im Januar 1883.


(Fortsetzung im Teil 2 der Nauheimer Denkmaltopografie)
 

Teil 2 der Denkmaltopografie

Teil 3 der Denkmaltopografie 

Örtliche Lage der Nauheimer Kulturdenkmale

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