Die Glockenanlage in der evangelischen Kirche zu Nauheim

Bauliche Daten zu Kirche und Dachreiter (Turm):
Die evangelische Kirche in der Dorfmitte des alten Ortskernes wurde 1753 als einschiffige Saalkirche mit rechteckigem Grundriss erbaut. Der Giebel über dem Hauptportal wird mit einem Dachreiter aus der Erbauungszeit der Kirche bekrönt. Der hölzerne Unterbau des Dachreiters ist gegen den Sandsteingiebel abgestrebt und ruht auf der Deckenkonstruktion der Kirche.

Ein Dachreiter ist in der Architektur ein Dachaufbau, ein kleiner Turm, der im Gegensatz zum richtigen Turm kein eigenes Fundament besitzt, sondern auf das Gebäude konstruktiv aufgesetzt oder in den Dachstuhl integriert ist. Dachreiter befinden sich oft auf Kapellen und kleinen bzw. schmalen Kirchen (Filialkirchen). Der Dachreiter steht dann meistens in der Nähe der westlichen Giebelmauer.

Noch innerhalb des Dachbereiches ist die Etage mit dem alten Uhrwerk eingerichtet. Darüber befindet sich das Gestänge der jetzigen Uhr und außen die Zeigeranlage. Über eine feste Holztreppe erreicht man die Glockenetage, die das Dach der Kirche überragt.

Glockenstube:
Die lichten Maße der Glockenstube betragen ca. 3,00 x 3,00 m, Höhe ca. 3,50 m.
Die Wände bestehen aus Holzfachwerk, das außen mit Schiefer verkleidet ist. Nach oben ist die Glockenetage zur Turmspitze hin offen. An allen vier Seiten ist je ein Schallfenster angebracht mit neueren steil nach unten gerichteten Holzlamellen.

Glockenstuhl:
Der vorhandene Glockenstuhl ist aus Eichenholz gezimmert und enthält barocke Verzierungselemente. Ohne Zweifel stammt er aus der Erbauungszeit der Kirche und wurde für die Maße dieses Raumes neu geschaffen. Es ist eine Bockkonstruktion mit zwei Gefachen auf einer Ebene nebeneinander. Die Qualität des Holzes ist gut. Die Läuterichtung ist in der Achse der Kirche eingerichtet. Die Hölzer der Querverstrebungen sind aus späterer Zeit. Die Breite des Glockenstuhles beträgt insgesamt ca. 2,00 m, das rechte Gefach hat eine Feldbreite von 0,83 m, das linke im unteren Bereich 0,58m, oben 0,65 m.

Ursprünglich war der Stuhl nur für zwei Glocken vorgesehen. Die alten Lagerpositionen der Joche sind jeweils in der Mitte des oberen Kopfholz noch zu erkennen.

Für das Jahr 1884 ist eine Erweiterung des Stuhles belegt. Glockengießer Andreas Hamm aus Frankenthal lieferte drei neue Glocken in der Tonfolge c‘‘ – e‘‘ – g‘‘. Dafür erhöhte er das rechte Gefach durch einen Stahlaufsatz und hängte hier seine mittlere Glocke hinein. Darunter war nun Platz für eine dritte kleinere Glocke, deren Jochlagerung neue Stützen erhielt. Im linken Gefach gab es keine Änderungen, hier hing immer die größte Glocke.

Alle drei Klangkörper erhielten 1884 auch neue gusseiserne Joche und Kugellager, die bis heute funktionstüchtig erhalten sind. Der Name A. HAMM  FRANKENTHAL ist auf allen drei Jochen zu erkennen. Die alten Lager und Holzjoche aus der Zeit vorher sind nicht mehr erhalten.

Dagegen sind seitlich des Glockenstuhles noch zwei typische Halbräder gelagert, die Hamm stets für die Führung des Glockenseiles verwendete. Heute haben alle drei Glocken (vermutlich seit 1952) HEW-voco-Läutemaschinen mit Seilrädern und Ketten.
Am Joch der kleinsten Glocke ist noch ein eiserner Hebelarm befestigt, an dem früher das Läuteseil hing. Im Bodenbereich der Glockenstube sind noch zwei Holzführungen zu sehen, durch die früher die Läuteseile nach unten geführt wurden.

Heutige Glocken:


1.    Große Glocke

Ton d‘‘, gegossen 1952 von Rincker in Sinn;  Durchmesser: 67 cm;  

Gewicht: ca. 170 kg

Schulterinschrift: Vorderseite
+  +  DER  TOD  IST  VERSCHLINGEN  IN  DEN  SIEG  +  +

Rückseite: Gießerzeichen Rincker 1952  Gußnummer 8075

Auf der Flanke ist ein großes Kreuz angebracht

Inschrift über dem Schlagring:
+  +  UNSEREN  TOTEN  +  DIE  EVANGELISCHE  GEMEINDE  NAUHEIM  +  +



2.    Mittlere Glocke


Ton e‘‘, gegossen 1952 von Rincker in Sinn, Durchmesser: 59 cm,  
Gewicht: ca. 120 kg

Schulterinschrift: Vorderseite:
+  +  FRIEDE  SEI  MIT  EUCH  +  +

Rückseite:
Gießerzeichen Rincker 1952  Gußnummer 8076

Auf der Flanke: Medaillon: Osterlamm mit Siegesfahne

Inschrift über dem Schlagring:
+   +   EVANGELISCHE  GEMEINDE  NAUHEIM  +  +



3.    Kleine Glocke


Ton g‘‘, gegossen 1924 von Hamm in Frankenthal, Durchmesser: 50 cm,  
Gewicht: 64 kg

Um die Schulter ist ein Zierfries angeordnet

Inschrift auf der Flanke:
ARBEITSGLOCKE
ARBEIT  IST  DES  BUERGERS  ZIERDE,
SEGEN  IST  DER  MUEHE  PREIS.

Inschrift über dem Schlagring:
A. HAMM SOHN FRANKENTHAL GOSS MICH 1924

(von Günter Schneider, Glockensachverständiger im Bistum Mainz)


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