Portrait Alwin Geyer -  Ehrenbürger Nauheims seit dem 25. März 2010

Gespräch vom 17. März 2010 – Geführt von Monika Großmann – Erste Vorsitzende des Heimat– und Museumsvereins Nauheim e.V.

 

Geboren bin ich am 10.09.1930 in Nauheim. Ich habe noch einen jüngeren Bruder. Die Großmutter väterlicherseits stammt aus Gundernhausen bei Dieburg. Großvater und meine Eltern kamen aus Nauheim – sie arbeiteten alle in der Landwirtschaft.

Mein Vater und seine Schwester sind zur Kerb öfters nach Gundernhausen gefahren. So entstand auch diese Verbindung der Familien. Die Tradition setzte ich fort, auch meine Ehefrau Elisabeth habe ich dort kennengelernt.

Mein Bruder und meine Tochter mit ihren Familien leben heute noch in Gundernhausen. Die Familienbande Nauheim – vorderer Odenwald werden also weiter bestehen bleiben.

 

Ich wurde 1937 eingeschult in der Volksschule Nauheim. Nach der Schulentlassung blieb ich auf dem elterlichen Hof und absolvierte eine landwirtschaftliche Ausbildung. Die landwirtschaftliche Berufsschule im Kreis Groß-Gerau war damals in der Gaststätte „Zum Hirsch“ in der Rathausstraße untergebracht (Volkstümlich auch „Sannche´“ genannt). Also hatte ich es von zuhause nur einige wenige Schritte dorthin.

Von 1948 bis 1950 in zwei Wintersemestern habe ich in Groß-Gerau die Landwirtschaftschule besucht, um meine Berufsausbildung zu beenden. Wir waren dort junge Landwirte aus dem Kreis, die der Kriegsgeneration angehörten und froh waren, einigermaßen – trotz der schlimmen wirtschaftlichen Zustände – wieder eine Perspektive zu haben. Es entstand eine Zweckgemeinschaft, aber auch Freundschaft, die nun schon weit über 50 Jahre dauert. Wir treffen uns  an jedem 1. Donnerstag zum Stammtisch.

 

Unsere Jugend war durch den Krieg und dessen Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft – also auch unser örtliches Leben - geprägt. Die Besatzungszeit mit der abendlichen Ausgangssperre behinderte unsere – wenn auch sehr karge – Freizeit. Angst und Unsicherheit erfüllte viele Menschen. In unser Dorf kamen die Flüchtlinge aus Graslitz und Schönbach und stellten alle – die örtliche Politik, die Verwaltung und die Einheimischen sowie die neuen Bürger – vor fast unlösbare Aufgaben. Eine schwierige Zeit in den ersten rund fünf bis sieben Nachkriegsjahren, von der im Rückblick nur die positive Wirkung auf Nauheim und dessen Entwicklung zurück geblieben ist.

 

Mein Vater wurde 1944 eingezogen, 1946 kam er dann in ein Gefangenenlager  im Hunsrück. Später ein Jahr als Gefangener in Amerika. 1948 Entlassung und Rückkehr nach Nauheim. Den Hof führte die Mutter  - wir Kinder halfen, so gut es eben ging.

 

1945 hatte ich Konfirmation. Bis 18 Uhr war jedoch nur Ausgang; wir verlegten dann unsere Freizeit auf die Mittagszeit und konnten so mit unseren Mädchen nur einen kurzen Ausflug machen. Ziel die Fohlenweide (dort wo heute die Kläranlage liegt).

 

Als junger Mensch hatte ich den Wunsch, Sportreiter zu werden, weil das Reiten für uns Landwirte Beruf und Hobby war. Mit dem sportlichen Reiten auf höherem Niveau wurde es nichts; es fehlten die finanziellen Mittel und zuhause wartete der elterliche Hof. So bin ich mit Leib und Seele Landwirt geworden. Bis 1993 führten wir den Hof; nach einem Scheunenbrand 1991 (damals ging der „Nauheimer Feuerteufel“ um!) bot sich die Chance des Wiederaufbaues. Damals stand uns Werner Dammel, der erste Vorsitzende des Heimat-und Museumsvereines, sehr zur Seite. Er hatte die Idee, die „neue“ Scheune als Remise für den Verein und damit die ganze Gemeinde zu nutzen. Als Diplom-Ingenieur nahm er Einfluss auf die Planungen. Mit Unterstützung der Gemeinde, in vielen freiwilligen Arbeitsstunden und mit Förderung durch örtliche Handwerksbetriebe, entstand die heutige Remise in einer Bauzeit von 1992 bis zur Fertigstellung 1994.

 

Als junger Mann war ich Mitglied im Reiterverein, ab 1948 im Ev. Kirchenchor, ebenfalls seit 1948 im Gesangverein Eintracht (zusammen 53 Jahre im Vorstand des Vereins – davon 34 Jahre als erster Vorsitzender). Seit 60 Jahren bin ich im Obst- und Gartenbauverein, seit 24 Jahren in Heimat – und Museumsverein, über ein halbes Jahrhundert im Verein der  Freiwilligen Feuerwehr und im Verein ehemaliger Landwirtschaftsschüler. Rund elf Jahre war ich Mitglied der Gemeindevertretung für die CDU-Fraktion, davon drei Jahre Vorsitzender des Ausschusses für Landwirtschaft, Forsten und Naturschutz.

Der Gesang begleitet mich nun schon über 60 Jahre; ein Instrument – wenn man einmal von der Fanfare der damaligen Jugendorganisation absieht – hätte ich als Kind gerne erlernt; Saxophon gefiel mir – leider waren Instrument und Unterricht im damaligen Nauheim für ein Kind unerschwinglich.

 

Große Persönlichkeiten waren für mich der CDU Politiker Konrad Adenauer. Ebenfalls der Springreiter Fritz Thiedemann, der in den 50er und 60er Jahren das Holsteiner Pferd in der ganzen Welt berühmt machte. Ein persönliches Gespräch könnte ich mir mit dem Deutschen Bauernverbands-Präsident Gerd Sonnleitner vorstellen. Wir hätten uns wohl einiges zu sagen. Entspannung finde ich beim Singen. So lange es geht, werde ich beim Gesangverein Eintracht aktiv mitwirken.

 

Zukunftsängste entwickle ich bei dem Blick auf die demografische Entwicklung in unserem Land. Immer weniger junge Menschen, die das Einkommen erwirtschaften, müssen die Lasten für die Zukunft tragen. Das klingt nicht gerade nach Solidarität, sondern lässt eher das Gegenteil befürchten. Betrachtet man die Zahlen für Nauheim, dann entsprechen wir – leider – genau diesem Trend. Deshalb muss Nauheim in erster Linie attraktiv für junge Familien werden (oder bleiben), praktisch das bisherige soziale Angebot mit Kindergärten, Jugend- und Vereinsförderung, Schulkindbetreuung – erhalten,  besser noch  ausbauen. Gemeinden stehen heute – bei allen düsteren Aussichten in den Finanzen – im Wettbewerb in der Region. Und dieser wird auch damit verbunden sein, wie Kommunen die  Synergie-Effekte nutzen, die sich bieten, um Verwaltung kostengünstiger zu gestalten. In nicht allzu weiter Ferne, wird dies, wenn wir nicht in der Lage sind, auf freiwilliger Ebene etwas zu tun, dann fremdbestimmt sein. Da kommt es nicht darauf an, wer politische Verantwortung in Hessen trägt. Und im Grunde genommen sind weder Kanaldeckel, noch Bordsteine im Ort grün, gelb, schwarz oder rot. Das ist den Bürgern gleichgültig – manche in der kommunalen Politik müssten zu dieser Einstellung noch finden. Man hofft darauf! 

 

Stolz bin ich auf meine Frau, meine beiden Kinder und die drei Enkelkinder. Sie sind und waren die Stütze meines Lebens und meiner Arbeit.